Psychische Stärke: Eine Frage von Genen und Charakter?
31/03/2025
– Eine Auswahl wissenschaftlich untersuchter personaler Schutzfaktoren –
In den vergangenen Jahren hat sich die Forschung zur psychischen Gesundheit von jungen Menschen intensiv mit Schutzfaktoren befasst. Diese sind äußerst vielfältig. Einige von ihnen liegen bereits als Ressource im Kind selbst – etwa bestimmte Eigenschaften, Fertigkeiten oder Fähigkeiten, die das seelische Wohlbefinden positiv beeinflussen können.
Nicht jede dieser Ressourcen, auch Resilienzfaktoren genannt, entfaltet generell eine schützende Wirkung. Ihr positiver Einfluss auf die Psyche hängt oftmals von bestimmten Gegebenheiten ab. Hierzu zählen zum Beispiel Altersstufen, sensitive Phasen und die Ausprägung des jeweiligen Faktors. Auch das Zusammenspiel mit weiteren vorhandenen schützenden Ressourcen spielt dabei eine Rolle.
Es wird angenommen, dass sich die folgenden sogenannten personalen Schutzfaktoren je nach Situation und Voraussetzung unterschiedlich auswirken.
Körperliche Schutzfaktoren: Fitness und Temperament im Fokus
Ein Bereich bestehender Forschungen versucht, die Erhaltung psychischer Gesundheit unter anderem durch körperliche Vorgänge und Bedingungen zu erklären. Einige Studien konzentrieren sich zum Beispiel auf eventuelle genetische Grundlagen von Resilienz. Andere untersuchen, ob der allgemeine Gesundheitszustand und die Fitness Resilienz beeinflussen.
Auch das individuelle Temperament steht als möglicher Schutzfaktor im Fokus der Wissenschaft. Insbesondere die jeweilige Beziehung zwischen Temperament und sozialer Umwelt sei entscheidend. „Dieses `Passungs-Modell` besagt, dass eine optimale Entwicklung dann stattfinden kann, wenn Eigenschaften, Erwartungen und Anforderungen der Umwelt im Einklang stehen mit den Möglichkeiten, Fähigkeiten und dem Verhaltensstil des Individuums.“ (BZgA, 2009)
Zum Beispiel kann ein ruhiges, sozial zurückhaltendes Kind ohne Geschwister von seinen eventuell ebenfalls ruhigen Eltern positive Reaktionen erfahren. Ein ruhiges Kind mit zwei lebhaften Geschwistern wird demgegenüber vermutlich durch seine Zurückhaltung weniger Aufmerksamkeit erhalten.
Vorliegende Ergebnisse bestätigen, dass vielfältige Dimensionen des Temperaments bedeutende Ressourcen für die psychisch gesunde Entwicklung junger Menschen sind. Hierzu zählen insbesondere eine positive Stimmungslage, Flexibilität im Verhalten und eine positive soziale Orientierung.
Es gibt bislang noch keine einheitliche Definition des Begriffs Temperament. Aus diesem Grund sollten die untersuchten Eigenschaften mit Bedacht und unabhängig voneinander betrachtet werden.
Selbstwert, Zuversicht und Religiosität: Kognitive und affektive Schutzfaktoren im Blick
Ein weiterer betrachteter möglicher Schutzfaktor ist die positive Wahrnehmung der eigenen Person. Sie kann auch als Selbstwert, Selbstachtung oder Selbstvertrauen bezeichnet werden. Ein positives Selbstbild wurde bereits in vielen Untersuchungen als Schutzfaktor für psychische Gesundheit belegt. Bei jüngeren Kindern hängt die Entwicklung eines angemessen hohen Selbstwertes höchstwahrscheinlich vor allem von positiver Bestätigung durch das Umfeld ab. Auch die ethnische Zugehörigkeit und Sicherheit in der Schule wirken sich auf die Entstehung der Selbstachtung aus. Eine positive Selbstwahrnehmung ist demnach Teil eines vielfältigen Netzes aus sich beeinflussenden Schutzfaktoren.
Zuversicht kann ebenfalls schützend auf die Psyche wirken. Zahlreiche Studien führen Optimismus und Vertrauen in einen übergeordneten Sinn als bedeutende Schutzfaktoren auf. Auch hierbei sind bei der Bewertung der Zusammenhang mit weiteren Faktoren und unterschiedliche Definitionen zu beachten.
Bestehende Studienergebnisse zur Wirkung von Religiosität als Schutzfaktor sind bisher uneinheitlich. Ihre Betrachtung sollte daher mit Umsicht und differenziert erfolgen. Abhängig von den vermittelten Inhalten fördert Religiosität im besten Fall eine positive Lebenseinstellung. Religiöse Gemeinschaften können etwa sozialen Halt bieten und positives Engagement mit Gleichaltrigen unterstützen.
Interpersonelle Schutzfaktoren: Wie soziale Kompetenz schützt
Soziale Kompetenz bezeichnet vielfältige Fähigkeiten: Kontakt zu anderen Menschen aufzunehmen, Beziehungen aufzubauen und zu bewahren, sich in Mitmenschen einzufühlen sowie soziale Aufgaben zu übernehmen.
Bisherige Forschungen zeigten einen bedeutenden Einfluss von sozialer Kompetenz auf die Resilienz junger Menschen. Demnach können die darunter zusammengefassten bestehenden Fähigkeiten und neu erlernten Fertigkeiten als wichtige Schutzfaktoren angesehen werden.
Auch wenn soziale Kompetenz bisher noch sehr unterschiedlich erfasst werde, reiche die Studienlage aus, um die Förderung von sozialer Kompetenz zum Zweck des Schutzes als sinnvoll einzuordnen.
Die aufschlussreichen Studien in diesen Bereichen ermöglichten bisher die Entwicklung von wertvollen Maßnahmen zur Stärkung von Kindern und Jugendlichen. Sie sind eine bedeutende Basis für die Erarbeitung zukünftiger präventiver Ansätze und gesundheitsfördernder Konzepte rund um die psychische Gesundheit von jungen Menschen.
Quelle: Forschung und Praxis der Gesundheitsförderung, Band 35, Schutzfaktoren bei Kindern und Jugendlichen – Stand der Forschung zu psychosozialen Schutzfaktoren für Gesundheit, Köln, BZgA, 2009